Ein Projekt im Mittelstand und eine globale Pandemie: Zwei neue Erfahrungen in meiner 11-jährigen Beraterlaufbahn

J. Gruber

Im Dezember 2019 fuhr ich ganz gespannt ins Baden-Württembergische Offenburg zum Projektstart. Der neue Kunde – MEIKO, ein mittelständischer Produzent gewerblicher Spül- und Desinfektionsanlagen – war mir bis dahin nur wenig bekannt. Auch die Branche war mir neu, da ich die letzten Jahre hauptsächlich im automobilen Umfeld als Beraterin tätig war. Die Aufgabenstellung war allerdings nicht ganz neu für mich: Ziel war es, eine Ablösestrategie für eine abgekündigte Controllerbaugruppe zu entwickeln und das Projekt mit all den resultierenden Implikationen auf verschiedene Bereiche wie beispielsweise Mechanik, Elektrik, Zertifizierung und Produktion aufzuplanen. Ein ähnliches Engpassmanagement-Thema mit Erarbeitung einer strategischen Ablauf- und Wellenplanung kannte ich bereits von einem früheren Projekt im Zusammenhang mit einer stillen Kundendienstmaßnahme. Damals war die Sicherstellung der Technologie- bzw. Teileverfügbarkeit besonders heikel, da betroffene Fahrzeuge ausfallen konnten und schnell umgerüstet werden mussten. Ich war also gespannt, welche Erfahrungen ich aus jenem Projekt übertragen könnte.

Vor Ort wurde ich sehr freundlich und offen empfangen. Die ersten Tage waren noch von einigen Fragezeichen geprägt, da mir natürlich diverse Fachbegriffe und Abkürzungen in der Spültechnik nicht geläufig waren. Nichtsdestotrotz wurde ich von Tag eins an als Projektleitung akzeptiert und stets wie eine MEIKO-Kollegin behandelt. Ich erhielt einen festinstallierten Arbeitsplatz im Büro mit Kollegen und einen MEIKO-Laptop, über den ich den Kalender und somit die Verfügbarkeit aller Ansprechpartner direkt einsehen kann.

Als dann im März 2020 bedingt durch die Covid-19-Pandemie deutschlandweit die Homeoffice-Empfehlung ausgesprochen und somit die Reisetätigkeiten eingeschränkt wurden, konnte ich das Projekt weiterhin aus dem Homeoffice leiten. Alle Termine wurden via Webex, einem Anbieter von Video- und Webkonferenzen, abgehalten und die MEIKO-Kollegen und ich haben Wert daraufgelegt, uns auch immer „mit Videobild“ zu sehen. Da ich aus der Ferne in Frankfurt ebenso wie die Kollegen im Homeoffice Zugriff auf das Projektlaufwerk habe, war auch der schnelle Daten- und Dokumentenaustausch kein Problem. Sicherlich fehlen auf Dauer der persönliche Kontakt und der Plausch in der Kantine oder bei einem Kaffee in der Küche. Dennoch leidet das Projekt inhaltlich nicht, da wir wöchentliche Jour Fixes abhalten und oft genug auch außerterminlich zum Hörer greifen. In Summe fühlt sich bei einem Mittelständler alles etwas familiärer an. Die Wege sind kurz und ich bin nahe an den Entscheidungsträgern. So habe ich regelmäßige Termine direkt mit der Geschäftsführung der MEIKO Deutschland sowie der Geschäftsleitung des Produktionsstandortes in China.

Die aktuelle Situation zeigt aus meiner Sicht, dass die klassische Vier-Tage-Vor-Ort-Präsenz in der Beratung nicht zwingend erforderlich ist, wie man es aus der Vergangenheit kannte und gewohnt war. Ich kann mir gut vorstellen, dass „hybride“ Zusammenarbeitsmodelle mit eng abgestimmter, tageweiser Vor-Ort-Präsenz zukunftsfähig sind, sofern es das jeweilige Projekt erlaubt. Unternehmen und Berater:innen sparen Reisekosten, der Klimaschutz wird durch die reduzierte Reisetätigkeit unterstützt und Berater:innen mit Präsenz im Heimatort gewinnen über ein stabileres soziales Umfeld ein Mehr an Work-Live-Balance.

Verschiedene Studien belegen, dass dieser Wandel in Richtung New Work in der Post-Corona-Zeit auch längerfristig aufrechterhalten bleiben könnte. Ein Großteil der befragten Unternehmensberater:innen geht davon aus, dass die Remote-Arbeit auch nach der Pandemie auf hohem Niveau beibehalten wird.

Der Anteil der Vor-Ort-Präsenz ist aus meiner Sicht klar abhängig von der Aufgabenstellung, der Projektphase, den verfügbaren Räumlichkeiten beim Kunden sowie vom Kundenwunsch selbst. Insbesondere beim Projekt-Kickoff bzw. in der Startphase halte ich es für unabdingbar, einen persönlichen Kontakt aufzubauen und zu pflegen sowie sich eng mit dem Projektteam abzustimmen – dies hat sich in diesem Projekt eindeutig bestätigt. Außerdem ist es sinnvoll, in einem gewissen Turnus vor Ort präsent zu sein – insbesondere natürlich zu wichtigen Abstimmungsterminen –, um bestimmte Themen mit dem Kunden face-to-face durchzusprechen. Jedes Projekt verhält sich jedoch unterschiedlich, daher ist eine Pauschalisierung dahingehend nicht möglich und in Abstimmung mit dem Kunden individuell zu gestalten.

Ansprechpartner

Julia Gruber

Julia Gruber

Frau Gruber ist Director bei HPP und betreut seit über 11 Jahren vielfältige Projekte in verschiedenen Branchen sowie bei unterschiedlichen Herstellern und Marken im In- und Ausland. Sie hat u. a. zahlreiche Konzepte und Strategien in Vertrieb, Werkstatt / After-Sales, Marketing und Pricing erarbeitet, pilotiert und ausgerollt.
Frau Gruber hat in Passau BWL studiert. Sie ist gerne sportlich aktiv und als gebürtige Münchnerin gerne in den Bergen unterwegs

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Titelbild: Ricardo Gomez Angel/unsplash.com (rO6709B116E)